Shopsoftware-Erweiterungen und ihre möglichen Folgen. E-Commerce Experte Arne Vogt von ARTAVO im Interview

Shopsystem Plugins Chancen und Risiken für Händler

Arne Vogt von Artavo über die Chancen und Risiken von Shopsystem PluginsModerne Online-Shopsysteme funktionieren auf den ersten Blick nach dem App-Store-Prinzip von Apple. Mit dem Unterschied, dass es kein iPhone gibt, sondern ein Shopsystem, das mit kleinen Shopsoftware-Erweiterungen ausgebaut werden kann. Diese Dritthersteller-Erweiterungen nennen sich Plugins, Extensions oder Addons und können als Analogon zu den Apple-Apps betrachtet werden. Auf den ersten Blick hört sich das nach dem perfekten Verfahren an – mit dem Unterschied, dass jene Shopsysteme, die nach diesem Verfahren arbeiten, nicht nur ebenfalls proprietäre Systeme mit sehr hohen Qualitätsansprüchen wie die von Apple sind, sondern oftmals auch Systeme, für die jedermann Weiterentwicklungen erstellen und weiter veräußern kann, der sich dazu berufen fühlt. Dadurch sind die Kontrollmechanismen zur Prüfung der Qualität der Erweiterungen im Vergleich zum großen Vorbild Apple häufig mehr als schwach und stellen eine Herausforderung für Shopsystemhersteller und Händler dar.

Im heutigen Interview begrüße ich eCommerce Experte Arne Vogt von ARTAVO, der sich selbst professionell und intensiv genau mit diesem Thema beschäftigt.

Hallo Arne, erzähl unseren Lesern doch bitte ein paar Sätze über Dich und wie Du zu dem Thema Shopsystem Plugins / Addons gekommen bist?

Hallo Lars, danke für Dein Angebot, hier in Deinem Blog einmal über dieses spezielle, gerade für KMU-Onlinehändler und deren Agenturen wichtige Thema sprechen zu können. Als ich 2011 mein Unternehmen ARTAVO gegründet habe, geschah dies aus der Erkenntnis heraus, dass gerade bei den Anbietern externer Services für Shopsysteme im Bereich der Schnittstellen große Unsicherheit darüber vorherrscht, für welche potentiellen Partner (z.B. zwischen Anbietern von Paymentservices und Shopsystemherstellern) denn jetzt eigentlich technische Anbindungen geschaffen werden sollen, wer diese Anbindungen realisieren kann und wie ggf. sogar mit diesen Unternehmen Partnerschaften geschlossen werden können. Daran hat sich bis heute nichts geändert – im Gegenteil – es wird aufgrund der mit der Start-Up-Szene verbundenen Vielfalt neuer Services immer unüberschaubarer, welche Lösungen und Anbieter Relevanz haben oder in Zukunft haben könnten. Unser Ansatz ist, dass nur die Unternehmen Technologiepartnerschaften miteinander schließen, die für Ihre gemeinsame Zielgruppe durch die Verbindung ihrer Systeme relevante Mehrwerte schaffen können. Fast immer ist die Grundlage für eine solche Zusammenarbeit die Entwicklung eines Plugins. Ist eine Shopsoftware pluginfähig, bietet sie dadurch aber auch allen anderen Entwicklern die Möglichkeit, die Software mit weiteren Features anzureichern und diese neuen Features den nutzenden Händlern verfügbar zu machen.

Eigentlich hört sich das doch ganz toll an – eine Software, die unendlich erweiterbar ist – wo siehst Du die Chancen und wo die Risiken?

Die Erweiterbarkeit über Plugins ist in den allermeisten Fällen sinnvoll. Aus Sicht eines Shopsystemherstellers bedeutet eine Pluginfähigkeit, dass er sich durch Vielfalt und Flexibilität vom Wettbewerb abgrenzen kann. Er kann so seinen Händlerkunden kontinuierlich aktuelle Features zur Verbesserung des Abverkaufs und der Verkaufsabwicklung bereitstellen, ohne alle Funktionalitäten selbst entwickeln oder anbinden zu müssen. Händler, die die jeweilige Software nutzen, können sich dadurch ebenfalls vom eigenen Wettbewerb absetzen und durch Auswahl passender aktueller Plugins Zeit, Kosten und Nerven sparen. Sei es durch bessere Abverkaufsmöglichkeiten im Shopfrontend, einfachere Abwicklungsworkflows im Backend oder gleich eine integrierte Abwicklung in anderen führenden Systeme wie z.B. Multi-Channel-Middleware- oder Warenwirtschaftssystemen. Durch die Nutzung verschiedener Erweiterungen können allerdings auch Risiken entstehen, da von den Shopsystemherstellern nicht immer wie z.B. bei Apple konkrete Vorgaben an die Entwicklungsqualität der möglichen Erweiterungen gestellt werden.

Siehst Du bei dem Thema der Plugins auch technische Implikationen, die für ein Gesamtsystem kritisch sein können – ich denke dabei an Interoperabilität von Plugins?

Klar, gut, dass Du es ansprichst. Ich habe immer mal wieder erlebt, dass Installationen einzelner Plugins zu eingeschränkter Funktionalität des Shopsystems geführt haben. Das kann dann kompliziert werden, wenn man nicht weiß, ob sich die Einschränkungen durch das Plugin direkt ergeben oder nur im Zusammenspiel mit irgendeinem anderen Plugin.

Wie betrachtest Du aus Deiner Sicht das Thema Sicherheit & Gewährleistung für das Shopsystem bei der Verwendung von Plugins unterschiedlicher Hersteller. Ist am Ende der Händler der Gelackte, wenn die Plugins nicht harmonieren?

Da ist guter Rat manchmal teuer. Um das Risiko zu begrenzen, sollte der Händler nur die Plugins installieren, deren Funktion er tatsächlich benötigt und wofür der Pluginentwickler oder der Shopsystemhersteller selbst Support bereitstellt. Bietet der Hersteller eine zentrale Möglichkeit, Plugins herunterzuladen, und stellt er hier schon qualitative Mindestanforderungen an die hochgeladenen Plugins, sollten möglichst nur die hier vorhandenen Plugins installiert werden, um eine risikoarme Nutzung zu gewährleisten. Manche Shopsystemhersteller bieten darüber hinaus eine Zertifizierung der Plugins inklusive intensiver Qualitätschecks an, was ein noch besserer Indikator für die stressfreie Nutzung ist.

Hinter einem Plugin steht sehr häufig auch ein Dienst eines Serviceanbieters – auf der Basis dieser Leistungen entstehen häufig Plugins – kannst Du uns die Zusammenhänge erklären?

Ja, gerne. Neben den von einzelnen Agenturen oder Entwicklern gefertigten Zusatzservices, die diese häufig in den App-Stores der Shopsystemhersteller oder über ihre eigenen Seiten gegen Bezahlung vertreiben, gibt es auch viele Serviceanbieter, deren Services sich nur durch eine technische Anbindung nutzen lassen. Deren Angebote lassen sich nur in Verbindung mit einem Shopsystem betreiben und haben ohne diesen „Wirt“ keine Funktionsfähigkeit (z.B. ein Paymentservice, der über den Checkout im Shop ausgespielt oder angesprochen wird). Daraus folgt für die Anbieter solcher Services, dass Sie Plugins entwickeln müssen, um überhaupt nutzbar zu werden. Sie konzentrieren sich dann naturgemäß auf Shopsysteme, die pluginfähig sind und die aus ihrer Sicht eine gewisse Bekanntheit haben. Diese Plugins für die von Ihrer Zielgruppe genutzten Shopsysteme zu realisieren ist aber für viele Serviceanbieter eine sehr schwere Aufgabe, weil nicht genau klar ist, welche Systeme überhaupt angebunden werden sollen und wer diese Anbindungen dann entwickeln kann. Im Rahmen dieses Prozesses entstehen dadurch häufig qualitativ unzureichende Plugins, für die zudem kaum Support verfügbar ist und regelmäßig eine Weiterentwicklung in Bezug auf Schnittstellenänderungen oder neue Services des Servicanbieters unterbleibt. Um hier die richtigen Services für die richtigen Nutzergruppen der einzelnen Shopsystemhersteller anbieten zu können, ist es für den Servicelieferanten notwendig, diese Nutzergruppen bewerten zu können und entsprechend professionelle Entwickler für die Erstellung zu beauftragen. Sie dabei zu unterstützen ist u.a. unsere Aufgabe. Keiner hat etwas davon, wenn Plugins entwickelt werden, die niemand nutzen kann oder will.

Worauf sollte ein Shopbetreiber abschließend achten, wenn er sich Plugins runterlädt und in seinem Shopsystem installiert?

Der Händler sollte vor der Nutzung eines neuen Services, der sich durch ein Plugin anbietet, überprüfen, ob dieser Service überhaupt zu seinem Geschäftsmodell und zu seiner Unternehmensgröße passt (Kosten, Einrichtungsaufwand, Betrieb). Weiterhin sollte er zusammenfassend auf die folgenden fünf Punkte achten, um das Risiko der Pluginnutzung und ggf. der dahinterstehenden Services zu minimieren:

  1. Wer hat das Plugin entwickelt, welche Erfahrung / Referenzen hat der Entwickler in dem jeweils spezifischen Umfeld und wird technischer Support angeboten?
  2. Kann man das Plugin an einem offiziell dafür vorgesehenen Ort beim Shopsystemhersteller herunterladen?
  3. Wird das Plugin von einem offiziellen Technologie- oder Solutionpartner des Shopsystemherstellers angeboten?
  4. Welchen Preis hat das Plugin und passt der Preis zum konkreten Bedarf? Häufig sind z.B. die Plugins offizieller Technologiepartner kostenfrei, Solutionpartner oder andere Entwickler möchten jedoch eine Entlohnung für ihre Entwicklungsarbeit haben, einmalig oder kontinuierlich.
  5. Bietet der Shopsystemhersteller eine technische Qualitätsabnahme / Zertifizierung an und wenn ja ist das Plugin zertifiziert?
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Über Lars Denzer 74 Artikel

Geboren 01.09.1971, Studium an der TU-Kaiserslautern, Abschluss Dipl.-Biol. mit Abschluß in der Fachrichtung „neuronale Netzwerke“, leitet Lars Denzer die technologische und strategische Entwicklung der omeco GmbH seit Gründung des Unternehmens. Zu den Schwerpunkten von Lars Denzer gehört die Beratung, Konzeption und Umsetzung von eCommerce Software (Shopsystem + Warenwirtschaftssystem). Für den ERP-Shopsoftware.de Blog ist er redaktionell für die Inhalte verantwortlich und pflegt die Marktübersicht der Shopsysteme.

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